Allen Negativprognosen zum Trotz haben die meisten Unternehmen die tiefen Einschnitte, die die Corona-Pandemie verursacht hat, gut weggesteckt und das Wachstum vorangetrieben. Woran das liegt, was sich verändert hat und wie Unternehmen diesen positiven Trend weiter für sich nutzen können, besprechen wir in unserer heutigen Podcast-Episode mit Matthias Müller.

 

Transkript zur Podcast-Episode

 

Florian Kappert:

Hallo und herzlich willkommen zu unserer nächsten Episode des Risk-Different-Podcast, den Podcast für Finanzverantwortliche, Buchhalter, Credit Manager und allen, die sich für das Thema Effizienzsteigerung im Finanzbereich interessieren.

Mein Name ist Florian Kappert und ich freue mich heute über unseren Gast Matthias Müller. 

Matthias, du bist Mitglied der Geschäftsleitung bei Dr. Wieselhuber & Partner, eine der führenden Unternehmensberatungen auf dem Feld der Strategieberatung, Restrukturierung und Transformation.

Du verantwortest Projekte rund um Restrukturierung, Finanzierung und Sanierung. Dein fachlicher Schwerpunkt liegt dabei einerseits auf der Lösung von komplexen Fragestellungen an der juristisch-betriebswirtschaftlichen Schnittstelle und andererseits auf der pragmatischen Lösung von komplexen finanz- und leistungswirtschaftlichen Fragestellungen. Dein branchenseitiger Fokus liegt dabei auf dem Handel, der Automobilindustrie sowie dem Maschinen- und Anlagenbau. 

Ich freue mich heute auf deine Teilnahme. Hallo, Matthias!

Matthias Müller:

Guten Morgen, Florian, ich freue mich ebenso, heute mit dabei sein zu dürfen.

Florian Kappert:

Jetzt haben wir das Jahr 2021 und der globale Handel ist zusammengebrochen. Wir befinden uns in einer globalen Rezession nach der Pandemie und wir alle schauen auf sehr finstere Zeiten und wissen nicht genau, wie es weitergeht.

Die Zahl der Unternehmensinsolvenzen ist ganz stark gestiegen. Das Restrukturierungsgeschäft boomt natürlich, weil alle Unternehmen brauchen plötzlich massive Hilfe, keiner weiß so richtig, wie es weitergeht, die Supply-Chain liegt bei vielen Unternehmen brach, die Innovation ist in Gefahr und kein Unternehmen befasst sich so richtig mit dem Thema Wachstum.

Jetzt haben wir nur ein Problem: Das ist alles gar nicht so. Die Krise ist gar nicht vorhanden, zumindest nicht so, wie wir das vielleicht alle vor einem Jahr oder vor eineinhalb Jahren noch gedacht haben. 

Aber es kommen ja trotzdem andere Themen an die Oberfläche, vielleicht auch ein bisschen Themen aus der längeren Vergangenheit, aus den letzten 10-15 Jahren. 

Wie seht ihr auf das Thema bei euch? Ihr seid ja da sehr nah dran. Wart ihr überrascht? Also es war ja kein Schock, aber seid ihr überrascht - oder schleichend überrascht - von der Entwicklung, die sich da gerade tut?

Matthias Müller:

Ja, also das ist sicherlich so. Wir beschäftigen unser bzw. mein Team und ich beschäftigen uns vornehmlich mit dem Bereich Restrukturierung und Sanierung und da war es sicherlich so, dass man wegen der Corona-Pandemie im Jahr 2020 wirklich damit gerechnet hat, dass das Jahr 2021 einen Boom-Jahr für unsere Restrukturierungs- und Sanierungsbranche sein wird.

Man kann sagen, es ist in keinster Weise so. Ich habe mal spaßeshalber gesagt: "Die einzige Krisenbranche ist unsere." Von daher sehen wir in der Tat bei vielen Kunden, die wir vor Corona mit Restrukturierungskonzepten hatten, dass die sich eigentlich alle sehr gut stabilisiert haben und auch sonst im Markt hört man ehrlicherweise nur von größeren Wachstumsthemen.

Man muss das Wachstum finanzieren, man spricht wieder über Zukäufe und M&A. Also insgesamt wirklich rückwirkend betrachtet eine überraschende Entwicklung in diesem Jahr, dass wirklich die Unternehmen und eben nicht nur der DAX wieder so gut durchstarten konnten.

Florian Kappert:

Woran glaubst du liegt das, dass es doch sehr viele Profiteure gibt? 

Jetzt gab es natürlich die ganzen Industrien, die sehr stark gelitten haben: die Hotellerie, Tourismus, Gastro natürlich allen voran erstmal mit einem schweren Schock, weil schlichtweg die Kunden ausgeblieben sind. 

Dann gab es in vielen Ländern, wie auch hier in Deutschland, natürlich auch große staatliche Hilfsprogramme, die versucht haben, das aufzufangen. Aber es gab natürlich auch Unternehmen, die davon profitiert haben. Gerade Unternehmen, die im Bereich Digitalisierung tätig sind. 

Ist da so viel Geld vorhanden, dass die das auffangen und gibt es da einfach eine Verlagerung des Geschäfts hin zu den -  in Anführungszeichen - "modernen Unternehmen"? 

Oder geht's allen nach wie vor gut, nur die Profiteure haben halt exorbitant profitiert und nutzen das jetzt, um Zukäufe zu machen und sich noch besser aufzustellen?

 

Unternehmenswachstum in Krisenzeiten - das geht!


Matthias Müller:

Ja, also ich sehe es schon eher als einen generellen Trend, dass eigentlich im Grunde genommen quer durch die Bank viele Unternehmen jetzt sehr stabil aufgestellt sind, weil du fragtest: "Woran liegt´s denn jetzt, dass jetzt wirklich alle eigentlich so gut aus der Krise gekommen sind?"

Ich denke, du hast es angesprochen: Das ist sicherlich so, dass die staatlichen Überbrückungshilfen, die staatlichen Hilfen generell, sei es KfW-Kredit, sei es Kurzarbeitsgeld, das hat natürlich extrem geholfen, die Wirtschaft zu stabilisieren.

Also man war ja wirklich in diesem März und April 2020 in so einer Art Corona-Schock, keiner wusste, wie's weitergeht, man hatte wirklich eine sehr große Unsicherheit in allen Firmen und in allen Lieferketten gespürt, die sich natürlich sehr, sehr schnell auch hochschaukeln kann zu einer wirklich exorbitanten Krise, so wie man das vielleicht auch im Jahr 2008 bei den Banken damals gesehen hat, wie es sich dann innerhalb von Tagen hochgeschaukelt hat.

Ich glaube wirklich, dass diese staatlichen Überbrückungshilfen nicht nur bei uns, sondern auch in anderen Ländern einfach eine gewisse Ruhe reingebracht haben. Wir legen uns jetzt in den Winterschlaf und schauen jetzt mal, was kommt und starten jetzt wieder natürlich gestärkt durch im Jahr 2021, natürlich auch angekurbelt durch weltweite Konjunkturprogramme. 

Gerade in Asien sehen wir, dass das beispielsweise bei Firmen aus dem Maschinenbau sehr starke Nachfrage bekommen aus Asien und aber natürlich auch diese staatlichen KfW-Kredite, die im Jahr 2020 wirklich sehr, sehr schnell zur Verfügung gestellt worden sind über die finanzierenden Banken. Die haben natürlich Cash in den Markt gebracht und der Cash ist da aktuell auch noch da. 

Andererseits sieht man auch, dass es eigentlich aktuell zumindest noch kein Problem ist. Weil es gibt ja diese Kennzahl "notleidende Kredite in Bankbilanzen" und die ist wirklich auch rückläufig seit 2020, also da bahnt sich jetzt auch erstmal nichts an, zumindest nicht bei uns, dass da irgendwie größere Kreditausfälle kommen könnten.

Und natürlich, weil du noch fragtest: "Sind die digitaleren Unternehmen jetzt besser durch die Krise gekommen?" Sicherlich ja, weil sie hatten einen tieferen Dip im Jahr 2020, weil einfach die ganzen Prozesse schon digital aufgestellt waren, was die anderen erstmal noch mühsam lernen mussten. Aber es hat sicherlich auch einen gewissen Schub gegeben. Das sehen wir schon in vielen Firmen.


Florian Kappert:

Glaubst du, dass sich die Unternehmen, du hast gesagt Winterschlaf, in ihrem Winterschlaf so ein Stück weit selbst saniert haben? 

Also zum einen vielleicht durch staatliche Mittel, gegebenenfalls aber auch durch eine Form der Selbstkasteiung, bei der die Unternehmen gesagt haben: "Wir schauen jetzt mal unsere Prozesse an, wir müssen jetzt lernen remote zu arbeiten, wir gucken uns bei der Gelegenheit grundsätzlich mal an, wie wollen wir denn eigentlich arbeiten und wie kommen wir da jetzt mit Schwung eigentlich ins Jahr 2021/22?"

Matthias Müller:

Ja, ich denke schon. 

Es wurde sicherlich aus der Not eine Tugend gemacht und dann natürlich im Jahr 2020 aufgrund der Angst, die ja noch da war, stärker Kosteneinsparungsprogramme dann auch durchgeführt, eben weil man ja auch damals nicht wusste: Wie lang hält die Krise jetzt an? Wird sie zu einer richtig großen wirtschaftlichen Krise oder nicht?

Und dann hat man eben diese Kosteneinsparungsprogramme gemacht, über alle Kostenarten hinweg eigentlich. Jetzt sieht man auch, dass man eigentlich bei deutlich ansteigendem Umsatz eben mit einem tieferen Kostenlevel auch fahren kann. Ein Grund dafür ist natürlich sicherlich auch, dass man letztes Jahr in gewisser Weise Zeit hatte, weil das Geschäft nicht sehr stark geboomt hat und man dann eben wirklich auch seine Kapazitäten dahin allokieren konnte, um Prozesse jetzt wirklich schlanker und digitaler zu machen.

Weil man hatte ja auch gar keine andere Chance als das zu tun, weil die Präsenz dort eben nicht so hoch war und dann konnte man das sicherlich so tun. Das sehen wir jetzt wirklich, dass viele Unternehmen diese vielleicht auch ein bisschen neu definierten Prozesse abseits des Vorort-Prozesses in Angriff nehmen. Also war alles ein bisschen agiler und jetzt ist es so, dass man die neuen Prozesse einfach auch wirklich weiterlebt, weil es auch wirklich funktioniert hat.

Florian Kappert:

Ja. 

Jetzt hast du eben gesagt: Die Unternehmen bekommen vielerorts auch Nachfrage aus dem Ausland, allen voran natürlich aus Asien, gerade bei euch im Maschinenbau. Das sehen wir bei unseren Kunden schon auch. 

Die Frage, die ich mir da oft stelle, es ist ja gar kein neues Phänomen, ich kann mich an die Themen vor wahrscheinlich knapp 20 Jahren erinnern, als man über Globalisierung gesprochen hat. Jetzt leben wir in einer sehr globalen Welt, und wenn wir mal so ein bisschen zurückschauen, dann hat, glaube ich, auch dieser Run der letzten 20 Jahre natürlich zwischendrin mal kurz geschockt, durch die Finanzkrise 2008, aber grundsätzlich im Prinzip: Der globale Wettbewerb und "the rise of technology", würde ich jetzt mal ganz groß als Stempel drauf hauen, hat dazu geführt, dass viele Unternehmen einfach auch zu einem Stück weit zu einem IT-Unternehmen selber geworden sind.

(Beachten Sie passend zu diesem Thema unseren Artikel zur Digitalisierung von Finanzprozessen)

Die haben eigentlich was ganz anderes gemacht und müssen sich jetzt ein Stück weit massiv mit dem Thema IT auseinandersetzen, mit dem Thema: "Wie verkaufe ich eigentlich was, wie generiere ich Umsatz, was ist eigentlich meine Wertschöpfungskette?" Und dabei ist ein ganz hohes Maß an Komplexität entstanden.

Ich bin jetzt noch gar nicht so sicher, ob dieses Thema "Remote Work", neue Welt - ob sie so neu ist, muss sich noch zeigen und ob sie noch so neu bleibt, muss sich auch noch zeigen - aber ob das am Ende den Unternehmen wirklich geholfen hat. Also ich glaube schon, dass jetzt alle da draußen investiert haben in ihre Prozesse, dass auch da jetzt wirklich viele Unternehmen, mehr als ich selber gedacht habe, sehr gut durch die Zeit gekommen sind. Aber die Probleme oder die Herausforderungen sind dann trotzdem noch die gleichen geblieben. 

Und ich glaube, das könnte noch stärker zurückkommen und könnte den globalen Wettbewerb einfach an der Stelle noch massiv fördern, weil die Komplexität ist ja noch größer geworden, wenn ich jetzt plötzlich nicht mehr die Kontrolle über meine Mitarbeiter an meinem Standort habe, dann wird es zumindest mal komplexer oder halt noch komplexer und komplex war vorher schon alles.

Und dann kommt dieser Trend dazu, dass auch im B2B-Umfeld das Geschäftsgebaren mehr wie B2C wird, sage ich jetzt mal. Also wir sprechen über die B2C-lastigen Zahlungsmodalitäten gegebenenfalls, eine Änderung der Risikoallokation, dass die Verkäufer eigentlich das Risiko tragen müssen und die Käufer eigentlich viel weniger Risiko tragen wollen.

Es gibt vielleicht auch mehr Angebot auf dem Weltmarkt und es gibt neue Angebote und es gibt neue digitale Dienstleister oder Marktplatzmodelle, die mir dabei helfen, mein Risiko woanders hinzubewegen. Am Ende heißt es mehr Wettbewerb, mehr Kostendruck, mehr Wachstumsdruck, und vor diesen Herausforderungen standen wir davor und vielleicht jetzt sogar noch mehr als davor. 

Wachstum in Krisenzeiten - durch verbesserte Prozesse
Wachstumsdruck und Kostendruck: Unternehmen müssen ihre Prozesse überdenken

Matthias Müller:

Ja, ich kann da uneingeschränkt zustimmen. Wir kommen ja, du hast es richtigerweise ausgeführt, eigentlich aus 20 Jahren Boomphase. Wirklich starkes Wachstum, vor allem starkes internationales Wachstum aller Firmen. Man hat im Grunde genommen seine bestehende Produktpalette, da hatte man Wachstum, man hat sich aber natürlich auch und, du hast es auch angesprochen, in digitaleren Produkten platziert.

Man hat IT-affinere Produkte platziert und das alles hat natürlich die Organisationen zum Teil wirklich auch überlastet, also man kann sich so ein bisschen als Fett anfressen häufig vorstellen, denn dadurch, dass man natürlich gezwungen war - und das war auch absolut richtig - auf das starke Wachstum zu setzen, vielleicht 1-2 digitalere Zukäufe noch zu machen, aber das belastet natürlich die bestehende Organisation.

Also man baut da eine Stabsstelle, da eine neue Abteilung, man muss interne Nebenrechnungen einführen, Verrechnungspreise in der Company, Umsätze etc.

All das macht es nicht leichter in der Steuerung und in der Transparenz eines Unternehmens und man sieht es auch, wenn man es sich anschaut bei vielen Firmen, die wir in den letzten Jahren betreut haben, dass der Umsatz im Grunde genommen sehr, sehr stark angestiegen ist. Das Ergebnis - sei es EBIT oder EBITDA, wie auch immer - aber mehr oder weniger stagniert hat oder zumindest nicht so stark angestiegen ist wie der Umsatz und das liegt eben ganz genau daran. 

Man musste, man war ja gezwungen, dass man eben dieses Wachstum mitgeht, hatte aber eben häufig verpasst, sich dann in den Prozessen auch entsprechend digital aufzustellen, um die Kosten noch weiterhin im Griff zu haben, weil man eben wirklich dann auch in neue Geschäftsfelder reinging und das ist ja erstmal auch entsprechend schwierig, um dann auch mithalten zu können. 

Es war aber, glaube ich, zweifellos nötig, das zu tun und ich glaube auch, wie du es ja richtigerweise sagtest: Dieser Druck, da mitzugehen, nimmt sicherlich deutlich zu, auch aufgrund der angesprochenen Faktoren, aber wir werden eben auch sehen, dass diese Staatshilfen und die Konjunktur-Ankurbelungsprogramme, die jetzt in vielen Ländern vorhanden sind, eben natürlich zielgerichtet auch in diese Zukunftsbranchen reinfließen.

Das heißt: Ich werde natürlich da eindeutig auch einen viel stärkeren Wettbewerb bekommen und dann muss es sich schon auch irgendwann auszahlen dieses Geld, was irgendwann mal reinvestiert wurde.

Wachstum und Digitalisierung - der Finanzbereich muss mithalten


Florian Kappert:

Ja, absolut. Also das sehe ich genauso. 

Was ich mich da einfach frage: Wie werden sich die Unternehmen jetzt in den nächsten Jahren verhalten? Also kann, glaubst du, der Finanzbereich da dabei helfen? Und wie war die Rolle des Finanzbereichs, sage ich mal, vor der Krise im Vergleich zu nach der Krise?

Weil wir nehmen da eine ganz starke Änderung dieser Finanzorganisation in großen Unternehmen wahr, dass es vorher eher der Wächter war und dass eigentlich die neue Anforderung an den Finanzbereich ist, dass der CFO mit in die Unternehmensführung geht und sagt: "Moment, wir müssen hier zusammen sehr, sehr, sehr stark agieren, weil wir brauchen ein Innovationskonzept auch für den Finanzbereich. Wir können nicht einfach nur unseren Abschluss machen und dann schauen wir halt mal, was rausgekommen ist. Auch wir müssen uns massiv mit den Themen Lieferkette, Finanzierung und Working Capital auseinandersetzen, und auch die Finanzorganisationen prozessual und wahrscheinlich auch was die Geldströme betrifft, einer Innovation unterwerfen und mal gucken, was kann man da machen?"

Das ist auch irgendwie okay. Natürlich sollte man im Finanzbereich nicht rumexperimentieren und rumexperimentiert wurde in den letzten 20 Jahren natürlich wahnsinnig viel. Produktinnovationen wurden wahnsinnig viele gemacht, die Welt hat sich in den letzten 20 Jahren massiv weiterentwickelt, gerade durch Produktinnovationen. Allerdings natürlich auch prozessualer Natur wurde viel gemacht. Auch Sales und Marketing hat sich massiv weiterentwickelt.

Und der Finanzbereich ist, ohne jemandem auf die Füße steigen zu wollen, halt einfach schon irgendwie eine Bank. Die machen halt so ihren Stiefel und das ist auch erforderlich, weil wir wollen ja alle abschlussfähig sein am Ende des Jahres, es soll ja auch alles stimmen. 

Aber jetzt merken wir einfach eine große Nachfrage in dem Bereich, der sagt: "Auch wir müssen jetzt mal genau hinschauen und auch wir müssen uns mit dem Thema Prozesse und Software und Kapitalströme noch mal richtig auseinandersetzen." 

Und das muss man vielleicht auch mal benchmarken und sagen: "Wir finden, wir sind ganz gut und auch unser EBIT ist ganz gut, aber was heißt denn gut? Ist das im internationalen Vergleich mit den Wettbewerbern, die da dazukommen, ebenfalls auch noch gut oder ist das dann nur so mittelmäßig?"

Und da sehen wir schon eine Veränderung in der Wahrnehmung des Finanzbereichs. Nehmt ihr das auch wahr?

Matthias Müller:

Ja, also würde ich unterstreichen.

In meinen Anfangszeiten in der Beratung war es sicherlich so, wie du es angesprochen hattest. Man war irgendwie so dieser Hüter der Zahlen und hat die im Grunde genommen korrekt dargestellt, hat sich um die Zahlungseingänge gekümmert und so weiter.

Es ist zweifellos, es muss da ein Wandel stattfinden, quasi der CFO eher in die gestaltende Richtung, eher in die Transformationssicht, nicht als finaler Endentscheider, aber zumindest als Schaffender für Transparenz, weil - wie man sieht und wie ich eingangs sagte - vor allem die Transparenz und Steuerungsfähigkeit hat in dieser Wachstumsphase gelitten.

Also de facto das Kernmetier eines CFO, also ich muss wissen: Welches Geschäftssegment bindet welches Kapital, bindet welche Kapazitäten? Ich muss auch wissen, wenn jetzt größere Veränderungen im Geschäfts-Mix entstehen, eben die digitaleren Geschäfte, wenn die in den nächsten 1-5 Jahren kommen, wie wirkt sich denn das auf meine Finanzierungsstruktur aus?

Bin ich vielleicht, sagen wir mal, lokal finanziert und habe durch die Änderung des Geschäftsmodell-Mixes dann einfach Verschiebungen in der Finanzierungsstruktur? Brauche ich größere IT-Investments, habe ich Vorlaufkosten? Das ist ja alles nicht von Anfang an profitabel.

Das heißt, ich muss das alles auch in der Finanzierungsstruktur abbilden können und da ist natürlich, glaube ich, ein ganz entscheidender Faktor beim CFO, dass er Zahlen liefert, um dann den CEO entscheidungssicher zu machen. Oder aber auch externe Stakeholder, seien es Banken oder wer auch immer, einfach von dem Kurs überzeugt, den man jetzt geht und der sehr häufig erst mal mit einem rückläufigen EBIT einhergeht, aber dass das der Richtige ist. Und dafür braucht es einfach transparente Zahlen, um das validieren zu können und das bedingt dann aber auch, dass - weil wir wollen jetzt nicht Kapazitäten aufbauen im Bereich des CFOs - einfach Kapazitäten frei gemacht werden.

Und da gibt's ja mittlerweile wirklich sehr, sehr gute IT-Unterstützung in allen Bereichen, die einfach, ich sag mal, händische Arbeiten automatisieren und dabei auch besser machen.

Und da seid ja ihr auch ein sehr schönes Beispiel dafür und das gibt's ja in sehr vielen Bereichen, was man einfach, glaube ich, nutzen muss und ich glaube, der klassische Buchhalter, der ist da schon in gewisser Weise ein Auslaufmodell. Das muss deutlich mehr gestaltet werden.

 

Auslaufmodell "Buchhalter"? 


Florian Kappert:

Ja, das ist fast ein schöner Übergang in zwei Themen: Nämlich in das Thema zum einen die Rolle der, ich sag jetzt mal, der arbeitenden Kräfte im Finanzbereich. Also was passiert denn mit den ganzen Buchhaltern in den nächsten zehn Jahren?

Weil wir haben es hier mit wahnsinnig stark ausgebildeten, sehr detailaffinen, sehr genauen Mitarbeitern zu tun, also genau das, was ein Unternehmen eigentlich die nächsten Jahre braucht. 

Und zum anderen ist da eine große Angst, dass Automatisierung und künstliche Intelligenz das Ganze genau für diese Personengruppe ein bisschen schwieriger gestalten könnte. Also ist da eine große Angst an der Stelle.

Das ist das eine Thema. Ich glaube - mit einem kleinen Blick auf die Uhr - das wäre vielleicht auch etwas, worüber wir uns nochmal tiefer unterhalten können. Also wie verändert sich denn inhaltlich deiner Meinung nach der Buchhaltungsmarkt und zum anderen die Rolle des CFO? Also was passiert denn da konkret und welche Möglichkeiten gibt es dann vielleicht auch für den CFO, genau das zu finanzieren, was du gerade gesagt hast?

Wir werden, glaube ich, nur eine steigende globale Ökonomie erleben, wenn weiterhin in Innovationen investiert wird und wenn die Innovationen dann auch einen Markt finden. Und das muss vorfinanziert werden.

Das heißt, Unternehmen, die in zehn Jahren noch am Markt sein möchten und vielleicht am Markt sogar eine größere Rolle spielen möchten, werden jetzt in ihre Prozesse, in ihre IT, in ihre Produkte, in ihre Supply-Chain, in alles investieren müssen. Und dazu braucht es Transparenz, dazu braucht es Skalierbarkeit. 

Unser Credo bei Bilendo ist ja "skalierbar wachsen". Am Anfang waren wir uns nicht sicher, ob das das richtige Credo ist, aber jetzt gerade stellt sich heraus, dass das genau das richtige Credo ist und ich glaube, da haben wir gefühlt zwei sehr konkrete Themen auf dem Zettel, die wir gerne einmal noch tiefer beleuchten können.

Was glaubst du, ist die größte Herausforderung jetzt 2021 und 2022, die auf die Unternehmen zukommt?


Matthias Müller:

Das wird sicherlich sein, dass man sein Kapital und die Ressourcen richtig allokiert. Was ja auch nicht passieren darf, ist, dass ich als Bestandsunternehmen nur noch auf diesem, ich sag mal, neuen Geschäftsmodell Hype draufspringe und dabei mein Kerngeschäft, mit dem ich einfach häufig sehr, sehr gutes und sehr stabiles Geld verdiene, aus den Augen verliere.

Ich muss aber schauen, dass ich eben auch in diesen bestehenden Geschäftsmodellen deutlich, deutlich schlanker und deutlich effizienter werde. Man sieht es wirklich heute häufig, da gab es erst einen Fall von letzter Woche: Da laufen einfach von 60.000 Aufträgen pro Jahr 40.000 anders. 

Das ist nicht effizient, weil da wird jeder Auftrag händisch angefasst und da glaube ich wirklich, dass diese Gestaltung hinzu zu einem digitaleren Wertstrom auch wirklich sehr, sehr wichtig ist. 

Und dann vielleicht noch ein abschließender Satz auf deine Frage: "Stirbt der Buchhalter aus?"

Nein, tut er sicherlich nicht, weil er hat sehr hohe Kompetenz, wie du sagtest, eben Zahlen transparent zu durchschauen, Zahlen transparent aufzubereiten. 

Es wird aber auf anderen Tools als vielleicht gestern laufen. Also man muss sich, glaube ich, sehr stark wandeln hinzu "iTools" und wie auch immer und dann kann man eben in die Gestaltung reingehen. Weil die Kompetenz wird immer wichtig bleiben und wahrscheinlich sogar wichtiger werden, dann wenn nicht mehr die gleichen Produkte wie seit 30 Jahren gebaut werden, sondern irgendetwas anderes Neues.

Da muss sich einer reindenken und das auch adaptieren. Von daher ist es, glaube ich, eine ganz, ganz wichtige Rolle für das Unternehmen. 


Florian Kappert:

Wir sind mit einer Dystopie eingestiegen, da fällt mir jetzt eine wieder für den Ausstieg ein: Es ist ja auch nicht so, dass das eintritt, was die letzten zehn Jahre alle geglaubt haben. 

Geschäftsmodelle werden ganz einfach, wir haben fast so binäre Geschäftsmodelle, gezahlt wird nur noch mit Kreditkarte, alles ist maximal transparent, alles ist total unkompliziert, Verträge werden nicht mehr geschlossen, es läuft alles in irgendeiner Blockchain ab und am Ende haben wir alle nichts mehr zu tun und es wird alles automatisiert.

Ich glaube, es ist nicht der Fall und das Problem ist genau die Mischlösung. Es kommen genau diese superkomplexen und technologisch extrem teuren Geschäftsmodelle dazu und das Kerngeschäft wird womöglich noch die nächsten 10, 15 oder 20 Jahre - niemand weiß es - genauso weiterlaufen. 

Ich habe einfach mehrere Geschäftsmodelle, die ich parallel betreiben muss, die völlig unterschiedlich voneinander zu behandeln sind und das ist, glaube ich, wirklich eine enorme Herausforderung für die Unternehmen.

Matthias Müller:

Genau. 

Also das ist, glaube ich, ganz genau das Entscheidende und es ist wichtig, dass ich mir heute bereits darüber Gedanken mache, wie diese Geschäftsmodelle, die ich in 1-4 Jahren mit einem hohen Umsatzanteil haben werde, wie sich die eben auf Kapazitäten und auf die Finanzierungsallokation auswirken, um dann eben nicht kurzfristig nachsteuern zu müssen.

Darum ist heute dieser transparente Blick nach vorne ganz, ganz entscheidend, sicherlich!

Florian Kappert:

Matthias, danke für deine Zeit. Wir sind schon ungefähr bei einer halben Stunde und ich habe mich sehr gefreut, mit dir über die Themen zu sprechen. 

Ich glaube, wir haben viele Türen aufgemacht und viele Türen zu, und ich würde mich freuen, wenn wir uns dazu in den nächsten Wochen nochmal hören. Ich glaube, wir können da, wie gesagt, durchaus ein bisschen tiefer einsteigen an der ein oder anderen Stelle.

Matthias Müller:

Das wäre in der Tat spannend. Also vielen Dank nochmal, dass ich heute hier sein durfte. 

Es hat mir großen Spaß gemacht und ich freue mich in diesem Sinne schon auf die Fortsetzung dann wie angekündigt. 


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